Zehn Tage Stille
Michael Jensen
Eigentlich hatte sich Michael Jensen vorgenommen, die zehn Tage in der Kunst-Eremitage intensiv zum Arbeiten zu nutzen. Endlich Zeit für sich, fernab vom Alltag, von Verpflichtungen und Ablenkungen. Doch es kam anders. „Ich dachte, ich würde unglaublich produktiv werden“, erzählt der Schriftsteller und Künstler rückblickend. „Das Gegenteil war der Fall.“ Nach wenigen Tagen stellte sich eine unerwartete Leere ein. Ideen blieben aus, die Lust am Arbeiten verschwand. Was zunächst wie eine kreative Krise wirkte, entpuppte sich als etwas anderes: als selten gewordene Erfahrung von Stille. „Mir wurde klar, dass Kreativität nicht bedeutet, ständig etwas zu produzieren. Das ist nur die Vorstellung unserer heutigen Leistungsgesellschaft.“
Diese Erkenntnis wurde zum eigentlichen Kern seines Aufenthalts. Statt möglichst viele Werke zu schaffen, begann ein innerer Prozess, dessen Wirkung sich – davon ist er überzeugt – erst nach und nach entfalten wird.
Feuer als Symbol der Veränderung
Ganz ohne künstlerisches Ergebnis blieb der Aufenthalt dennoch nicht. Entstanden ist ein Gedicht mit dem Titel „Feuerträumer“ sowie eine Installation aus einem angekohlten Holzstück – eine Arbeit, die sich mit Wandel, Zerstörung und Neubeginn beschäftigt.
Das Feuer steht dabei nicht nur für das Verbrennen, sondern auch für Erneuerung. Inspiriert von Pflanzen, deren Samen erst nach einem Brand keimen, beschreibt Michael den kreativen Prozess als etwas, das manchmal zunächst alles Alte verbrennen muss, bevor Neues entstehen kann.
„Nach fünf Tagen dachte ich: Jetzt muss ich raus.“ Ein Spaziergang durch den Park Sanssouci wurde zum Wendepunkt. Auf der Rückfahrt wusste er plötzlich: „Nein, alles muss genau so sein, wie es ist.“
Weniger brauchen
Besonders beeindruckt zeigte sich der Künstler von der Einfachheit des Lebens während seines Aufenthalts. Ohne Internet, ohne Junkfood, mit Gemüse und Kartoffeln aus dem Garten und der Ruhe des Parks wurde ihm bewusst, wie wenig ein Mensch tatsächlich braucht.
„Ich habe nichts vermisst.“
Vor allem die Stille hinterließ Eindruck. Mehrere Tage Nordwind ließen selbst die entfernten Straßen verstummen. „Abends war einfach Ruhe. Wirklich Ruhe.“
Natur statt Perfektion
Auch der Landschaftspark selbst wurde zu einer Inspirationsquelle. Besonders faszinierte ihn das Zusammenspiel von Kulturlandschaft und Wildnis. Was auf den ersten Blick wie Chaos wirkt, beschreibt er als eine höhere Ordnung. Raupen dürfen am Kohl fressen, Enten halten Schnecken in Schach, und dennoch gedeiht der Garten. „Jeder bekommt ein Stück vom Kuchen.“ Für ihn wurde dieser Gedanke zu einem Sinnbild dafür, wie natürliche Systeme funktionieren – ganz anders als die auf maximale Kontrolle ausgerichtete Welt des Menschen.
Brandenburg als Inspirationsort
Der Aufenthalt führte Michael auch gedanklich tief in die Geschichte der Region. Beim Blick auf alte Gebäude, Bäume und Wege fragte er sich immer wieder, welche Menschen hier vor Jahrzehnten gelebt, gearbeitet und ihre Freizeit verbracht haben.
Diese Eindrücke werden, so erzählt er, vermutlich irgendwann in seine Romane einfließen. Nicht als historische Dokumentation, sondern als Hintergrund für Geschichten über Landschaft, Wandel und Erinnerung.
Die Krise als Neuanfang
Begleitet wurde der Aufenthalt von persönlichen Zweifeln. Enttäuschende Gespräche mit Verlagen hatten ihn kurz zuvor beschäftigt. Umso wichtiger wurde die Zeit in der Kunst-Eremitage. Das Thema unseres Jahres – Feuer – bekam dadurch für ihn eine sehr persönliche Bedeutung. „Etwas in mir ist ausgebrannt“, sagt er. „Aber genau daraus kann wieder etwas Neues entstehen.“
So blickt er auf die zehn Tage nicht als Phase großer Produktivität zurück, sondern als einen seltenen Moment des Innehaltens. Einen Aufenthalt, der weniger fertige Kunstwerke hervorgebracht hat als vielmehr neue Gedanken – und vielleicht den Anfang kommender Arbeiten. Denn manchmal beginnt Kreativität genau dort, wo scheinbar nichts passiert.